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Bandwurminfektionen

Inhalt

Einführung

Bandwürmer (Cestoden) zählen zur Gruppe von humanpathogenen Würmern. Als Parasiten leben und vermehren sie sich im Darm ihres Zwischen- oder Endwirts (Mensch oder Tier). Ein Bandwurm besteht typischerweise aus einem Vorderteil (Skolex) und zahlreichen einzelnen Gliedern (Proglottiden) mit einer charakteristischen Oberflächenstruktur (Tegument). Der Skolex besitzt Haftorgane und dient der Verankerung in der Darmschleimhaut. Die Proglottiden beinhalten sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane (Hermaphroditismus). In den reifen Proglottiden lagern sich die Eier ab, bevor sie vom Zwischenwirt über den Kot ausgeschieden werden. Das Tegument bietet einerseits Schutz vor äußeren Einflüssen und dient andererseits der Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm.

Pathenogenese

Der klassische Wirtszyklus bei Bandwürmern sieht folgendermaßen aus: Der Mensch als Zwischenwirt nimmt die Eier oral auf (z.B. durch Tierkontakt, Verzehr von ungekochtem Gemüse), welche sich im Darm ablagern. Der Mensch als Endwirt nimmt normalerweise die Larven vom Zwischenwirt auf (z.B. Tierfleisch). Die Eier entwickeln sich entweder direkt im Darm oder nach Eindringung in Lymph- und Blutgefäße in anderen Organen zu Larven (=Finne). Im Darm wachsen die Larven zu Bandwürmern heran, die nach Geschlechtsreife wiederum Eier in ihren Proglottiden bilden. Die Proglottiden werden nun über den Stuhl ausgeschieden und der Zyklus beginnt von vorn. Bei Rinder-, Schweine- und Fischbandwurm-Infektionen handelt es sich um Taeniosen, d.h. der Mensch ist der Endwirt. Infektionen mit Hunde- und Fuchsbandwurm werden dagegen als Echinokokkosen bezeichnet, hier ist der Mensch der Zwischenwirt.

Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis)

Der Fuchsbandwurm ist vor allem in Mitteleuropa, Nordasien und Teilen Nordamerikas verbreitet. Er ist nur ca. 3 mm lang. Die Larven befallen kleine Nagetiere als Zwischenwirt oder den Menschen (Fehlzwischenwirt). Der Endwirt ist der Fuchs, seltener der Hund. Die Infektion entsteht hauptsächlich durch Kontakt mit Fellen oder Kot von infizierten Tieren. Man vermutet eine Inkubationszeit von 10 bis 15 Jahren, d.h. der betroffene Mensch bleibt jahrelang symptomlos. Die Larven infiltrieren am häufigsten die Leber, wo sie zahlreiche schwammartige Bläschen aus Bindegewebe bilden (alveoläre Echinokokkose). Diese Zysten führen zu Komplikationen wie z.B. Gelbsucht und portale Hypertension. Ähnlich wie ein bösartiger Tumor können sie über Lymph- und Blutbahnen metastasieren und weitere Organe befallen.

Hundebandwurm (Echinococcus granulosus)

Der Hundebandwurm ist weltweit verbreitet, u.a. in den Mittelmeerländern und auf dem Balkan. Er ist 3 - 6 mm lang. Als Zwischenwirt dienen Wiederkäuer (Schafe, Rinder), Schweine oder der Mensch (Fehlzwischenwirt). Der Endwirt ist der Hund, seltener die Katze. Ein hohes Risiko einer Übertragung besteht bei engem Kontakt mit Hunden unter mangelnden Hygienebedingungen. Die Larven erreichen zunächst über die Blutbahn die Leber, wo sie solitäre, mehrfach gekammerte Hydatidenzysten bilden (zystische Echinokokkose). Komplikationen sind Gallenwegsobstruktion, allergische Reaktionen bei Austritt der Hydatidenflüssigkeit und der Befall weiterer Organe. Auch hier dauert es Monate bis Jahre bis sich erste Krankheitssymptome zeigen. In komplikationslosen Fällen wurden spontane Remissionen beobachtet, was für die Gutartigkeit der Erkrankung spricht.

Rinderbandwurm (Taenia saginata)

Der Rinderbandwurm kommt weltweit vor und kann bis zu 10 m lang werden. Rinder nehmen die Eier mit dem Gras als Zwischenwirt auf. Die Larven verstreuen sich hämatogen in die Skelettmuskulatur, wo sie flüssigkeitshaltige Bläschen bilden. Das Fleisch bleibt jahrelang kontagiös. Der Mensch als Endwirt infiziert sich nun durch den Verzehr des rohen oder unzureichend gekochten Rindfleischs. Die klinische Symptomatik ist relativ unspezifisch und umfasst alle möglichen Magen-Darm-Beschwerden (z.B. Erbrechen, Juckreiz in der Analregion, „Wühlen im Bauch“). Die Rinderbandwurm-Infektion kann jahrzehntelang symptomlos verlaufen.

Schweinebandwurm (Taenia solium)

Der Schweinebandwurm kommt gehäuft in Südamerika und Afrika vor. Eine Infektion hierzulande dagegen ist im Vergleich zum Rinderbandwurm sehr selten. Der Schweinebandwurm kann bis zu mehreren Metern lang werden. Hier ist das Schwein der Zwischenwirt und der Mensch der Endwirt. Die Inkubationszeit beträgt etwa 2 Monate. Normalerweise verbleibt der Schweinebandwurm im Dünndarm des Menschen. Im Falle einer hämatogenen Verstreuung der Larven kommt es zur Bildung von makroskopisch sichtbaren, weißlichen Knoten in der Herz- und Skelettmuskulatur (Zystizerkose). Auch das Augengewebe kann betroffen sein, was zu Sehstörungen führt (intraokuläre Zystizerkose). Eine besonders schwere Komplikation ist der Befall des zentralen Nervengewebes und die Bildung von Zysten im Gehirn (Neurozystizerkose). Dies führt u.a. zu Meningitis, Hirnabzessen und Krampfanfällen.

Fischbandwurm (Diphyllobothrium latum)

Der Fischbandwurm ist weltweit anzutreffen, vor allem in Alaska und Kanada. Er kann bis zu 10 m lang werden. Dieses Mal dient der Fisch als Zwischenwirt, in dessen gut durchbluteten Fleisch sich die Larven aufhalten. Die Übertragung erfolgt durch den Verzehr von rohem Fisch (z.B. Sushi oder Matjeshering). Die Inkubationszeit beträgt ca. 3 Wochen. Eine Fischbandwurm-Infektion verbleibt in der Regel symptomlos. Es kann zu unspezifischen Magen-Darm-Beschwerden kommen. Bei einem größeren Befall durch Fischbandwürmer entsteht selten eine makrozytäre Anämie auf Grund des Entzugs von Vitamin-B12 durch die Parasiten.

Therapie

Zur pharmakologischen Therapie von Taeniosen werden Praziquantel und Niclosamid eingesetzt. Praziquantel ist gut wirksam und Mittel der Wahl bei Neurozystizerkose, jedoch kontraindiziert bei intraokulärer Zystizerkose. Es erhöht die Kalziumpermeabilität des Teguments, welches zu einer Dauerpolarisation und somit spastischen Paralyse der Bandwürmer führt. Niclosamid ist ebenfalls wirksam bei Taeniosen, wirkt jedoch nur auf Würmer im Darm und nicht auf Zystizerkosen. Es greift in den Glucose-Stoffwechsel der Würmer ein.

Das mit Echinokokkosen befallene Gewebe sollte primär chirurgisch behandelt werden. Zur Unterstützung und/oder bei Inoperabilität werden die Substanzen Mebendazol und Albendazol eingesetzt. Albendazol wirkt ebenfalls bei Taeniosen und Neurozystizerkosen. Beide hemmen die Polymerisation der Mikrotubuli und zerstören somit die Zytoskelettstruktur. Insgesamt überwiegt die vermistatische über der vermiziden Wirkung, sodass inoperable Patienten die Medikamente oft ihr Leben lang nehmen müssen.

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Quellen:

  • H. Renz-Polster, S. Krautzig: Basislehrbuch Innere Medizin, 4.Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier (2011), S. 1240-1243
  • G. Ackermann et. al.: Medizinische Mikrobiologie – Virologie, 2.Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier (2006), S. 361-362;368;439-440
  • V. Kumar et. al.: Robbins and Cotran Pathologic Basis of Disease, 8.Auflage, Saunders/Elsevier (2009), S. 392-393
  • K. Aktories et. al.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 10.Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier (2009), S. 916-919
  • U.-N. Riede/M. Werner/H.-E. Schaefer: Allgemeine und spezielle Pathologie, 5.Auflage, Thieme Verlag (2004), S.273-276
  • Robert-Koch-Institut (http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Echinokokkose.html?nn=2374512) Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (http://www.bfr.bund.de/cm/350/rinderbandwurm.pdf)

Autor & Layout:

  • Achudhan Karunaharamoorthy
  • Christopher A. Becker
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